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Ute Königstedt

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Ja aber, sagte das Ego

 

Advent

Ja aber, sagte das Ego
Eine Geschichte im Advent

Das Kleine Kind in mir hat Angst. Es fürchtet sich davor, den nächsten Schritt zu gehen, den, der längst feststeht und von Herzen erwünscht ist. Doch es hat Angst, etwas falsch zu machen, der Sache vielleicht nicht gewachsen zu sein oder von Leuten abgelehnt zu werden. Seine Angst äussert sich auch körperlich durch allerlei Zipperlein. Mal zwickt der Magen, begleitet von Sodbrennen, ein anderes Mal sind’s die Muskeln, die sich verspannen. Dann wieder kostet alles Nerven oder lässt keinen Schlaf finden. Das Kleine Kind kommt einfach nicht zur Ruhe und so steht es sehr verzagt vor meinem inneren Auge und sieht aus, als würde es gleich anfangen zu weinen. Ich frage mein Kleines Kind: „Wovor fürchtest du dich denn so sehr, dass diese Gedanken in dir aufsteigen und dich sogar körperlich beeinträchtigen?“ Das Kleine schluckt und schaut mich mit seinen großen Augen an. Ich sehe die Tränen, die langsam das Unterlid füllen und bestimmt im nächsten Augenblick überquellen werden. Da platzt es aus dem Kind heraus: „Ich hab Angst, dass mich keiner liebt.“ Und fügt fast unhörbar flüsternd hinzu: „So, wie ich bin.“ Mir wird ganz warm ums Herz und ich möchte das Kleine am liebsten umarmen, es an mich drücken und ihm sagen, wie sehr ich es liebe. Doch bevor ich das tun kann, schiebt sich trotzig und mit herausforderndem Blick das Ego zwischen Kind und mich. Sagt zu mir, und seine Stimme überschlägt sich dabei fast: „Misch‘ dich da nicht ein! Ich pass‘ schon auf, dass dem Kind nichts geschieht. Es ist schließlich unser größter Schatz!“

Ich bin baff. Damit hatte ich nicht gerechnet. Das Ego beschützt das Kind in mir? Ruhig und gefasst richte ich meine Frage an das Ego: „Du weißt schon, dass das Kind geliebt werden will?“ „Ja klar“, lautet seine knappe, leicht überheblich klingende Antwort. Ich hake nach: „Ist dir bewusst, dass du mit deinen Gedanken und Befürchtungen zwischen dem Kind und der Liebe stehst?“ Das Ego schaut mich verwundert an. Das hat es offensichtlich noch nicht bedacht. Also nutze ich den Moment der Verwunderung und füge hinzu: „Wenn du genau hinschaust siehst du, dass unentwegt ein endloser Fluss von Liebe herein strömt und das Kind heilen, versöhnen und erfüllen will. Das Einzige, was zwischen dem Kind und der Liebe steht, bist Du!“

Entrüstet will das Ego aufschreien, doch dann besinnt es sich eines Besseren. „Ja aber, ich will es doch vor Unheil schützen!“ Meine Antwort darauf lässt das Ego um Fassung ringen: „Schutz hat immer zwei Seiten. Die Mauer, die du errichtest, verhindert, dass das Kind am Leben  teilhat. Du verhinderst, dass es eigene Erfahrungen macht, die es wachsen und reifer werden lassen. Dein Schutz lässt nicht nur Erfahrungen außen vor, die vielleicht unschön sind, er hält vor allen Dingen die Liebe vom Kind ab.“

Jetzt ist es das Ego, das ganz geknickt und ziemlich kleinlaut vor mir steht. Schon will es wieder ein Gegenargument einwerfen, da falle ich ihm ins Wort: „Du bist das kleine Ja–Aber, das weiß ich schon lange. Dir fällt immer noch etwas ein und alles unter dem Deckmäntelchen, nur das Beste zu wollen. Ich sage dir jetzt mal, was wirklich das Beste ist: Liebe! Liebe zu geben und Liebe zu empfangen. Das ist das Beste, das Schönste und das Größte im Leben. Manchmal kleidet sich Liebe in ein Nein, aber meist ist sie ein großes Ja zu allem, was ist!“

Nun ist es ja nicht so, dass das Ego das nicht wüsste. Kein Wunder also, wenn es sich jetzt windet. Offensichtlich ist ihm die Sache sehr unangenehm. Schließlich wollte auch das Ego immer nur das Beste fürs Kind und für mich. „Danke“, sage ich. „Danke, dass du es nun verstanden hast, liebes Ego. Ich sag‘ dir was, wir werden neue Vereinbarungen treffen und klare Absprachen, um zu klären, wann deine Dienste gebraucht werden und wann sie eher hinderlich sind.“ Damit ist das Ego einverstanden. Dabei ist mir klar, dass es eine Weile dauern wird, bis sich das Ego an die neuen Konditionen gewöhnt hat und seine automatischen Rettungs- und Schutzversuche einstellen wird. Das ist in Ordnung.

Letztlich geht es um Vertrauen, denke ich und daran mangelt es dem kleinen Ja-Aber doch sehr. Im gleichen Augenblick wird mir bewusst, dass auch das Ego keine Liebe bekommt, wenn es sie immer nur abwehrt. Schon so lange steht es, bewaffnet mit Schwert und Schild zwischen dem Kind und der Liebe und haut drauf, wenn etwas Unbekanntes kommt. Hat das Ego vielleicht niemals die Liebe kennen gelernt, schießt es mir durch den Sinn. Kann es sein, dass unser rationaler Verstand, dem das Ego ja angehört, gar nicht weiß, was Liebe ist? Wie Schuppen fällt es mir von den Augen. Natürlich, so ist es. Hätte der Verstand nur ein Mal die Liebe gekostet, er wäre sanft und milde. Als ich das verstehe, gibt es nur eines zu tun:

Ich nehme das Ego in meine Arme. Ich umfange es mit all der Liebe, die mir möglich ist. Was nun geschieht ist unglaublich. Das Ego, das kleine Ja-Aber, schmilzt in meinen Armen. Es gibt den Kampf auf, es löst den Krampf, lässt die Waffen fallen und gibt sich dem Fluss der Liebe und des Lebens hin. An seinen vor Glück strahlenden Augen kann ich sehen, wie richtig und wichtig diese Umarmung war. Dem Ego fehlte die Liebe noch viel mehr als meinem inneren Kleinen Kind. Letzteres steht nämlich neben uns, lutscht genussvoll an einem pinkfarbenen Lolli und ist ganz und gar und mit allem einverstanden. Es nimmt mich bei der Hand und will mich auf den Spielplatz des Lebens ziehen, doch ich bin mir nicht sicher, was ich mit Ja-Aber machen soll. Da weiß das Kind einen Rat: „Pack‘ ihn in die Tasche und nimm‘ ihn mit. Er muss das Leben jetzt erstmal richtig kennen lernen.“ Das ist eine gute Idee, finde ich.

Mit dem Ego in der Tasche und dem Kleinen Kind an der Hand mache ich mich vertrauensvoll und im Bewusstsein der unentwegt strömenden Liebe auf den Weg zum nächsten spannenden Abschnitt meines Lebens.


© Foto und Text: Ute Königstedt, Kastellaun 2015

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